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Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten zeigt in seiner Ausstellung die Religion und Kultur des Judentums und insbesondere die Geschichte der Juden in Westfalen. Dem Museum ist ein Lehrhaus mit einer Bibliothek und kulturellem Programm angeschlossen.

Geschichte Bearbeiten

Die seit 1982 bestehende sechsköpfige Dorstener Bürgerinitiative und Forschungsgruppe „Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz“ gründete 1987 den Verein für jüdische Geschichte und Religion e.V. und fasste unter dem Arbeitstitel „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Religion“ den Plan, ein Museum einzurichten. Dieses Museum sollte vor allem Nichtjuden die jüdische Kultur und die regionale jüdische Geschichte vermitteln und zum Ort des Lernens werden. Im November 1987 begann die Forschungsgruppe, unter dem Namen „Sammlung Judaica Dorsten“ privat finanziert einen Grundstock an historischen Exponaten zu sammeln.

Lage und Architektur Bearbeiten

Das Museum befindet sich im Südosten der Dorstener Innenstadt an der Ecke der Straßen Südwall und Julius-Ambrunn-Straße, letztere ist benannt nach dem letzten Vertreter der örtlichen Synagogengemeinde 1942.

Daueraustellung Bearbeiten

Die Dauerausstellung im Obergeschoss erreicht der Besucher über eine Treppe vom Foyer aus. Die Ausstellung lässt sich zunächst in zwei räumlich getrennte Bereiche „Jüdische Lebenswege in Westfalen“ und „Jüdische Religion und Tradition“ unterteilen. Über 800 Exponate veranschaulichen die auf Texttafeln gegebenen Informationen.

Jüdische Lebenswege in Westfalen Bearbeiten

Im ersten großen Bereich der Dauerausstellung werden die 700 Jahre der lokalen jüdischen Geschichte anhand 14 beispielhafter Lebensläufe von Juden aus der Region vorgestellt. Mit Fotos, Büchern, Skulpturen, Briefen, Urkunden aber auch zahlreichen persönlichen Gegenständen werden die Geschichten der Personen anschaulich nachgezeichnet.

Jüdische Religion und Tradition Bearbeiten

In einem anschließenden Raum befindet sich der zweite große Bereich der Dauerausstellung in dem die jüdische Religion und Kultur beleuchtet wird. An einer Wand befinden sich mehrere an der Decke aufgehängte Tücher mit hebräischen Zitaten aus der Tora und deren jeweilige deutsche Übersetzung. Die meisten Exponate dienten religiösen Bräuchen, es befinden sich aber auch Gebrauchsgegenstände in den Vitrinen. Der Ausstellungsbereich lässt sich thematisch in vier Abschnitte unterteilen: „Tora – Synagoge – Gemeinde“, „Haus – Familie – Individuum“, „Antijudaismus – Antisemitismus“ und „Neues jüdisches Leben in Westfalen“. Die einzelnen Teilbereiche lassen sich jedoch naturgemäß nicht immer klar voneinander trennen.

Tora – Synagoge – Gemeinde Bearbeiten

Der erste Teil des Bereichs befasst sich mit der Tora, der Synagoge und der Gemeinde. Hier werden wertvolle Torarollen und Talmudbände, Toraschmuck wie Torawimpel, -mäntel (Mappa), -aufsätze (Rimmonim), -schilde (Tass) und -vorhänge (Parochet) sowie einige Torazeiger (Jad) gezeigt. Zu den bemerkenswertesten Exponaten zählt eine große Torarolle aus Leder, die von etwa 1830 stammt sowie drei bestickte Torawimpel aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Anhand eines Modells der 1938 zerstörten Landsynagoge Vreden wird die Synagoge als Zentrum des Gemeindelebens erläutert. An den Wänden hängen mehrere Kupferstiche aus der ersten Hälte des 18. Jahrhunderts die Karten der Stadt Jerusalem zeigen und auf die lange Geschichte des jüdischen Volkes und dessen Kultur hinweisen.

Haus – Familie – Individuum Bearbeiten

Der zweite Teilbereich „Haus – Familie – Individuum“ stellt das Alltagsleben, jüdische Feste und Bräuche vor. Tallitot und Gebetsriemen (Tefillin) aus dem 18. Jahrhundert zeigen die traditionellen Vorschriften für das Gebet. Wie alltäglich das Gebet für gläubige Juden ist zeigt auch die Mesusa, einer am Türpfosten angebrachten Schriftkapsel mit Abschnitten aus dem Schma Jisrael, die beim Betreten eines Raumes berührt wird.

Die Vorstellung der jüdischen Feiertagen ist nach deren Abfolge im Jahresfestkreis des Jüdischer Kalenders geordnet.

In einem eigenem Abschnitt werden religiösen Stationen im Leben eines Juden behandelt. Das acht Tage nach der Geburte erfolgende Beschneidungsritual Brit Mila wird mit Beschneidungswerkzeug aus dem 18. Jahrhundert und Mohelbüchern, die Anleitungen zur Beschneidung enthalten, erläutert. Kleine Stationen erklären den Passageritus des Judentums Bar Mizwa – bei Mädchen wird er Bat Mizwa genannt – und die Hochzeit. Der Abguss aus Sandstein eines Grabsteins von 1324, dessen Original vom jüdischen Friedhof in Münster stammt, ein gläserner Pokal einer Chewra-Kaddischa-Bruderschaft sowie Fotos von den jüdischen Friedhöfen in Herford Münster, Warendorf und Dorsten weisen eindrucksvoll auf die jüdische Bestattungstradition hin.

Antijudaismus – Antisemitismus Bearbeiten

Im dritten Teil wird die Judenfeindlichkeit und vor allem die Verfolgung und Vernichtung der westfälischen Juden während des Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. Der Teilbereich beginnt Schriften zur Idee einer eigenen jüdischen Nation, die bald als Zionismus bekannt wurde und Sammelbüchsen wie sie Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert für die Schaffung eines solchen Staates auftauchten. Mehrere Judensterne, ein Plakat der SS sowie die Titelseite der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer stehen dem Titelblatt der zionistischen Zeitung Jüdische Rundschau aus Berlin vom 4. April 1933 mit der Überschrift „Tragt ihn mit stolz, den gelben Fleck!“ gegenüber. Personaldokumente mit den ab 1938 vorgeschriebenen Vornamen zeigen die Pogrome gegen die Juden aus einer persönlichen Perspektive.

Ein besonderes Ausstellungsstück ist sicher der sogenannte „Bottroper Bücherfund“, einem 1989 entdeckten Weidenkorb mit etwa 150 jüdischen Büchern und einigen Zeitungen, der 47 Jahre auf einem Dachboden eines Bottroper Wohnhauses lag. Es handelt sich bei den Büchern um Anleitungen zur Liturgie, Auslegung des Tanach, Schriften über den Zionismus sowie Sprach- und Schulbücher. Sie entstammen dem Besitz mehrerer jüdischer Mieter des Wohnhauses, der größte Teil gehörte nach den Eigentümersignaturen der 1942 ins Ghetto Riga deportierten Familie Julius Dortort.

Neues jüdisches Leben in Westfalen Bearbeiten

Der letzte Teilbereich „Neues jüdisches Leben in Westfalen“ weist auf die jüdische Geschichte nach 1945 hin. Es wird sowohl die Entwicklung des Staates Israel als auch regionale Aspekte wie der Zuwachs der Gemeinden durch jüdische Emigranten aus Osteuropa erläutert. An einer Wand hängen acht Bilder der Fotoserie „Juden in Westfalen“ des Fotografen Dirk Vogel. Die Aufnahmen entstanden ab 1996 und zeigen Personen beim jüdischen Gottesdienst, Familienfeiern und religiösen Festen.

Museumspädagogik Bearbeiten

Das Museum bietet thematische Gruppenführungen für Erwachsene, Jugendliche und Schulgruppen an. Seit 2005 finden etwa einmal im Monat kostenlose „offene Führungen“ statt. An einigen Stellen der Ausstellung können sich Besucher über ein Audiosystem insgesamt etwa 45 Minuten weiterführende Informationen, O-Töne, Lieder zu bestimmten Festen und Ausschnitte aus einer Toralesung anhören. Für Kinder im Grundschulalter gibt es außerdem spezielle Führungen mit Geschichten, Musik und Spielen für den altersgerechten Einstieg in die Thematik bei denen einzelne Gegenstände wie die Kopfbedeckung Kippa oder die Gebetsriemen Tefillin auch angefasst und anprobiert werden können.

Für Schulklassen der Sekundarstufe II besteht die Möglichkeit, beispielsweise im Rahmen des Geschichts- oder Religionsunterricht, eines individuell angepassten Studientags an dem Themen zum Judentum selbstständig erarbeitet werden können. Während der Sommerfereien können Kinder zwischen 8 und 12 Jahren an einer mehrtägigen Ferienwerkstatt teilnehmen, in dessen Rahmen die Themen des Museums ausführlich aber kindgerecht vermittelt werden.

Lehrhaus Bearbeiten

In Tradition der jüdischen Lehrhäuser versteht sich das Museum auch als Lehr- und Lernort und hält bildende und kulturelle Angebote bereit. Halbjährlich erarbeitet das Museum in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Dorsten und dem Verein „Altes Rathaus“ ein kulturelles Programm mit Vorträgen von Museumsmitarbeitern und externen Referenten zu jüdischer Religion und Tradition in Geschichte und Gegenwart, Filmvorführungen und Lesungen jüdischer Literatur. Der Verein bietet außerdem regelmäßig Exkursionen und Studienreisen an.

Im rückseitigen Anbau des Altbaus befindet sich zudem eine beachtliche Präsenzbibliothek mit etwa 5.000 Büchern, Zeitschriften und Zeitungen rund um das Judentum. Zum Bestand gehören Nachschlagewerke wie die Encyclopaedia Judaica, Werke zur Religion, Kultur, Geschichte und Verfolgung der Juden, Zionismus und Israel sowie jüdischer Literatur.

Eine Auswahl von etwa 1.000 Büchern jüdischer Literatur ist in der im Foyer befindlichen Filiale der Münchener jüdischen Buchhandlung von Rachel Salamander erhältlich. Darunter befinden sich grundlegende Werke zum Judentum aber auch aktuelle und zeitlose Bücher von jüdischen Autoren wie Franz Kafka, Wladimir Kaminer oder die Ausgaben des Tagebuchs der Anne Frank sowie Biografien von bekannten Juden. Außerdem werden Israel-Reiseführer, hebräisch-deutsche Wörterbücher, CDs und Judaica angeboten.


Weblinks Bearbeiten



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